Gedanken zum Alter

Die Kerzen auf der Torte waren mir schon immer egal.
Hauptsache, der Kuchen schmeckt. 
Oder anders:
                         Können Sie etwas mit der Zahl anfangen, die                            angibt, wie alt Sie angeblich sind?

Gedanken zum Alter

Ich habe zwar nicht so die Erinnerung an meine Kindertage. Ja, ich wundere mich sogar über die, die von sich behaupten, dass sie selbst aus der Zeit als sie erst 2 oder 3 Jahre alt waren, Geschehnisse im Kopf haben und diese beschreiben, als sei es gestern gewesen.

 

Diesbezüglich muss ich wohl schon lange an einer frühen Form des Alzheimers leiden, denn ich konnte das nie. Ich habe vielmehr festgestellt, dass es hauptsächlich Bilder sind, die ich mal gesehen habe und um die sich mit Hilfe von Erzählungen aus dem Familienkreis Geschichten und „Erinnerungen“ gebildet haben. Sicher hat es Ereignisse gegeben, die aus Kindertagen auch heute noch in meinem Kopf präsent sind. Es waren aber ausnahmslos nicht gerade positive. 

Aber egal, darum sollte es gar nicht gehen. Vielmehr darum sich zu erinnern, wie der Eindruck des Älterwerdens sich über die Jahre verändert hat. 

 

Waren in Kindertagen alle, die nicht als Kind erkennbar waren alt, wenn nicht sogar uralt? So z.B. waren Vater, Mutter, Onkel und Tanten alt. Opa und Oma dagegen uralt. 

 

Als Jugendlicher hatte ich immer den Wunsch älter zu sein. Mindestens 21. Denn da war man Volljährig, und niemand konnte einem mehr sagen, was man zu tun oder zu lassen hat. Ich hatte meinen Eltern gesagt, dass ich spätestens dann „weg“ bin und meine eigenen Wege gehen werde. Und dieser Wunsch hat mich getrieben, dieses Alter möglichst schnell zu erreichen. Meine Güte, hat das vielleicht lange gedauert.

 

Obwohl sich eine Abkürzung auftat. Der Gesetzgeber hatte nämlich beschlossen, dass man als damals 18jähriger, mit Zustimmung der Eltern und wenn man finanziell dazu in der Lage war, in die erste „eigene“ Wohnung ziehen durfte. Und da ich, als im Januar Geborener, als einer der Ersten in den Genuss dieser Regelung kam, hatte es dann im Sommer dieses Jahres geklappt. Ich war also mit 18 raus. Doch noch nicht volljährig. Diese Veränderung erfolgte erst zum 1. Januar 1975, zu einer Zeit, als ich bereits ein Jahr volljährig war. Grrrrr. 

 

Über 2,5 Millionen Jugendliche erlangten damals die volle Geschäftsfähigkeit, konnten von nun an ohne Zustimmung der Eltern über Ausbildung, Arbeitsplatz, Wohnsitz oder Eheschließung selbst entscheiden und erhielten auch das passive Wahlrecht. Letzteres war dann wohl auch der eigentliche Grund für die Änderung. So wie man versucht 16jährigen das Wahlrecht zu geben. Sie haben da nur ein Problem, sie haben keinen Anreitz oder gar Mehrwert für die Jugendlichen. Peinlich und so durchschaubar.

 

Und just zu diesem Zeitpunkt merkte ich dann auch das erste Mal, dass ich älter geworden war. Und das obwohl ich schon damals mit den Jahreszahlen auf den Geburtstagskarten nichts anfangen konnte.

 

Das ist übrigens bis heute so geblieben.

 

Bis zum 25. Lebensjahr hatte ich mit dem Älterwerden gar kein Problem. Es war vielmehr erstrebenswert. Aber ab dann nervten mich die Änderungen, die sich im Januar ergaben. Was sollte das sein? 26 - 27 - 33 – 56!? Na und!? Wer wollte das wissen. Hatte doch keinerlei Konsequenz und sinnlichen Nährwert!?

 

1994 kam unser Sohn zur Welt. Nicht dass Sie glauben ich hätte da mal so einfach meine Bekanntschaften, meine große Liebe und meine Hochzeit unterschlagen. Das sind doch schließlich auch Zeitpunkte, zu denen man sich älter fühlen dürfte! 

 

Doch das waren diese sehr wichtigen Ereignisse und Begebenheiten in keinster Weise. 

 

Nein es war die Geburt unseres Sohnes.

 

Plötzlich war ich Vater! Ich? Selbst noch unfertig und mit 31 Jahren alles andere als ein Papa mit Vorbildfunktionen. Eher wieder so eine Sache, bei der nur das ganze Drumherum mein, für mich nicht begreifbares Alter bestimmte. Für mich absolut surreal! 

 

Ja, wird der denn nie erwachsen? 

 

Wenn Erwachsen heißt, Verantwortung zu übernehmen, dann war ich das schon mit 15. Mit 18 war meine Ausbildung zu Ende und wie gesagt, ich zog in meine eigene Wohnung. Mit allen Konsequenzen. Essen, Waschen, Kochen und Kosten im Blick halten.

 

Und trotzdem, selbst als meine Tochter, 10 Jahre später als mein Sohn zur Welt kam, konnte ich mit meinen nunmehr 41 Jahren, mit dieser Zahl immer noch nichts anfangen. 

 

Jetzt betrachtet ja jeder die Menschen um sich herum und kategorisiert sie. Insbesondere nach ihrem bekannten oder geschätzten Alter. Und auch damals gab es Ältere und Alte. Alle die so aussahen, als wären sie kurz vor der Rente oder kurz darüber waren alt. Und jemand der 70 Jahre zählte, war ja Steinalt.

 

Diese Betrachtungsweise hat sich im Blick auf „die Anderen“ auch nie so ganz geändert.

 

Heute; ich bin nach dieser Einschätzung selbst Steinalt, sitze ich hier und überlege, kurz vor meinem 71ten Geburtstag, ob ich mich, abgesehen von ein paar Wehwehchen, von denen mich in früheren Jahren einige wesentlich intensiver quälten, so fühle, wie es sich von der Altersangabe ableiten ließe.

 

Und ich kann mit diesen noch genauso wenig anfangen, wie mit 21. Und nicht selten ertappe ich mich dabei, dass meine Gedankenwelt und meine Interessen nicht zu meinem verbrieften Alter passen. Doch die Welt um mich herum wird das sicher anders sehen.

 

Unsere Medien und Politiker zum Beispiel fordern, dass jeder, der das 70te Lebensjahr erreicht hat, alle 5 Jahre seine Fahrtüchtigkeit unter Beweis stellen soll. Noch vor ein paar Wochen wurde davon gesprochen, dass man dies schon mit 60 Jahren machen solle.

 

Dieser Vorschlag hatte nur einen Pferdefuß, denn zur gleichen Zeit forderten auch leitende Politiker, dass man doch wenn möglich bis zum 70. Lebensjahr arbeiten solle.

 

Da passte etwas nicht zusammen! Fit genug um in verantwortungsvoller Position als Leistungsträger der Gesellschaft aufzutreten, aber zu senil ein KFZ zu führen?

 

Aber jetzt mit 70…..

 

Ich bin mit 65 in Rente gegangen. Mit 64 Jahren und 364 Tagen zählte ich zu den Leistungsträgern unserer Gesellschaft. Mit 65 und einem Tag, war ich alt. So wird das dann auch mit denen sein, die nach 70 Jahren und einem Tag ihre Rente erleben. Gestern noch ganz oben, heute muss man es erst beweisen, ob man noch die Berechtigung haben darf einen PKW zu lenken.

 

Aber ich schweife ab. Vielmehr bin ich selbst gespannt, wann der Tag kommt, der mich mit meinem Alter, ich nenne es mal synchronisiert? Gut, wenn man mal krank ist, passt die Alterszahl schon mal zum Allgemeinbefinden. Doch mit 40 habe ich mich, dank mangelnder Gesundheit, schon mal viel, viel älter gefühlt und auch schon damals daran gedacht, dass ich wohl nicht Steinalt werde.

 

Und die Erkenntnis aus diesen Gedanken?   Kein Plan!

 

Ich bin heute noch genauso unfähig etwas mit meinem Alter anzufangen, wie damals mit 25 Jahren. Das Einzige, was mich nervt ist der Umstand, dass einen die Gesellschaft, das nicht abnimmt und in die Kategorie "Senioren" einordnet. Halt die Kategorie der Steinalten. Für mich kaum zu glauben, dass man dazu gezählt wird. Und es wird von mir auch nicht akzeptiert. Und ich kenne eine ganze Menge Menschen, denen es ähnlich geht. 

 

Vielleicht sollten wir uns zusammentun und dafür sorgen, dass wir Gehör finden und dass dieses Denken in Kategorien aufhört. Wohl wissend, dass wir es selbst über viele Jahre so getan haben und je nach Weltanschauung weiter tun. 

 

Ist aber auch nur so ein Gedanke. 

 

Vielleicht sollten wir lieber in Ruhe reifen, so wie ein guter Wein. Auch für den gibt es Kenner, die ihn dann zu schätzen wissen. Doch ehrlich? Zuviel Ruhe bringt mich nicht zum Reifen, eher zum gären. Vielleicht gehöre ich diesbezüglich auch nicht zu den guten Jahrgängen. 

 

Es gärt eher in mir und ich muss stets etwas machen. Und sei es nur, meine Gedanken niederzuschreiben.

 

Vielleicht geht es Ihnen ja auch so. Das würde mich beruhigen. Sonst fühlt man sich immer so unverstanden und als Außenseiter.

© HJB 2023

 

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